Gegenmacht im Gegenwind
Die 6. Streikkonferenz der Rosa-Luxemburg-Stiftung, die vom 2. bis 4. Mai 2025 in Berlin stattfand, war ein großartiges Erlebnis! Mehrere Tausend gewerkschaftlich Engagierte und Interessierte trafen sich, um darüber zu sprechen, wie man die Interessen von arbeitenden Menschen wirkungsvoll vertreten kann. Auch ich war dabei und habe zusammen mit Benjamin Hornung vom IG Metall Bildungszentrum in Beverungen zum ersten Mal meine Überlegungen zu dem Buch «Klassengesellschaft akut» vorgestellt. Die Diskussion darüber mit Kolleg*innen aus Wissenschaft und Praxis war extrem ermutigend – hat sie doch gezeigt, dass dieses Buch erfolgreich dazu einlädt, über einen in ganz unterschiedlichen Kontexten zunehmend unerträglichen Status Quo hinauszudenken. Es ist höchste Zeit! Die Dokumentation der Rosa-Luxemburg-Stiftung gibt einen Einblick in die Aufbruchstimmung, die bei dieser Konferenz geherrscht hat.
Demokratie in der Arbeitswelt unter Druck
Am 11. Januar 2025 lud der Deutsche Gewerkschaftsbund Frankfurt am Main zum Neujahrsempfang. Nach einer (nicht ganz kurzen) Begrüßung durch den Geschäftsführer der DGB Region Frankfurt-Rhein-Main und einer Ansprache von Mike Josef Oberbürgermeister der Stadt Frankfurt habe ich die Hauptrede gehalten (sie beginnt in der Aufzeichnung bei 1:25:00). Darin habe ich an den Schwur der Gefangenen von Buchenwald erinnert: Nie wieder Krieg! Nie wieder Faschismus! Wo stehen wir heute? Eine Partei, die Remigration fordert und den Nationalsozialismus für einen »Vogelschiss« in der deutschen Geschichte hält, wurde zweitstärkste Kraft bei der Bundestagswahl, und von Seiten der Regierung wird verlangt, »wir« müssten wieder kriegstüchtig werden. Doch auch und gerade in der Arbeitswelt, in den Betrieben, stehen demokratische Standards unter Druck – das ist eine enorme Herausforderung für gewerkschaftliche Politik. Ihr müssen wir uns stellen. Nie wieder ist jetzt!
E. P. Thompson zum 100. Geburtstag
Im Jahr 2024 wäre der britische Historiker Edward P. Thompson 100 Jahre alt geworden – leider ist er schon 1993 gestorben. Wer sich für Prozesse von Klassenformierung interessiert, sollte unbedingt einen Blick in seine Schriften werfen. Das Hauptwerk „The Making of the English Working Class“ ist 1963 erschienen und ziemlich umfangreich – aber es ist auch auf deutsch verfügbar, und die Lektüre lohnt sich unbedingt! Er beschreibt darin, wie ganz unterschiedliche Arbeitende im frühen 18. Jahrhundert – auf dem Feld, im privaten Haushalt, in Bergwerken, in Heimarbeit, in Sweatshops und ersten Fabriken … – zu der Auffassung kamen, dass sie letztlich mehr verbindet, als sie trennt. Wer sich dabei an unsere eigene Zeit erinnert fühlt, in der man sich ebenfalls fragen kann, was die arbeitende Klasse eigentlich ausmacht und wer dazu gehört, liegt nicht falsch. Ein Grund mehr, beim Jubilar nachzuschlagen. Zu seinem 100. Geburtstag haben Richard Detje und ich einen kleinen Artikel geschrieben.

